Anlässlich des letzten Galathea-Festivals, dessen Schirmherr Paul Watson war, sprach er mit uns über die Dringlichkeit einer kollektiven Mobilisierung – mit einer unmissverständlichen Feststellung: Wenn wir zulassen, dass der Ozean stirbt, sterben auch wir.

Biozentrismus statt Anthropozentrismus
OCEANS: Paul, Sie haben kürzlich ein Buch über Biozentrismus veröffentlicht. Wie lässt sich dieser Begriff definieren?
Paul Watson: Das Buch dreht sich um die Notwendigkeit eines biozentrischen Ansatzes zum Schutz des Ozeans. Derzeit sind wir die einzige Art, die zählt – unsere Zivilisation basiert auf Anthropozentrismus. Biozentrismus bedeutet dagegen, sich als Teil eines Ganzen zu begreifen und in Harmonie mit allen anderen Arten zu leben. Tun wir das nicht, werden wir nicht überleben.
OCEANS: In Frankreich ist außerdem Ihr Buch „SOS Océans en détresse“ erschienen. Worum geht es darin?
Paul Watson: Einer der größten Treiber des Klimawandels ist meiner Meinung nach der Rückgang der Biodiversität in den Ozeanen. Die Meere sind das Lebenserhaltungssystem des Planeten – vergleichbar mit dem eines Raumschiffs, das Luft, Nahrung und Klimaregulierung liefert. Solche Systeme brauchen Ingenieure, die dafür sorgen, dass alles funktioniert. Wir Menschen sind aber keine Ingenieure, sondern nur Passagiere – und wir sind gerade dabei, die eigentlichen Ingenieure zu töten. Seit meiner Geburt 1950 ist die kollektive Biomasse wild lebender Säugetiere auf nur noch vier Prozent ihres früheren Werts geschrumpft. Der Großteil der heutigen Säugetier-Biomasse besteht aus Menschen und Haustieren. An einem gewissen Punkt führt dieser Verlust an Biodiversität zum ökologischen Kollaps.
Ist noch Zeit, das Ruder herumzureißen?
OCEANS: Haben wir Ihrer Meinung nach noch Zeit, einen Zusammenbruch der marinen Ökosysteme zu verhindern?
Paul Watson: Wenn wir unsere Vorgehensweise ändern, ja. Ob das passiert, weiß ich nicht. Aber wenn wir das Problem nicht lösen, wird die Natur es für uns tun – und das wird nicht angenehm sein. Der ökologische Zusammenbruch wird verheerend sein, Milliarden Menschen werden sterben.

„Wenn das Phytoplankton verschwindet, stirbt der Ozean. Wenn der Ozean stirbt, sterben wir.“
Seit meiner Geburt haben wir zum Beispiel 40 Prozent der Insektenpopulationen verloren. Wir können aber nicht in einer Welt ohne Insekten leben, ohne Bäume oder ohne Phytoplankton. Meine Arbeit besteht darin, Menschen von der Wichtigkeit dieser Verbindung zwischen den Arten zu überzeugen.
OCEANS: Glauben Sie, dass wir als einfache Bürger wirklich etwas bewirken können?
Paul Watson: Ja, absolut – und das ist historisch gesehen die einzige Sache, die je funktioniert hat. Regierungen lösen keine Probleme, sie verursachen sie. Alle sozialen Revolutionen wurden von der Leidenschaft, dem Mut und der Vorstellungskraft Einzelner angeführt. Historisch reichen etwa sieben Prozent der Bevölkerung, um eine Bewegung zu erzeugen, die sich selbst trägt – erst dann werden Politiker aufmerksam. Diese sieben Prozent hat die Umweltbewegung noch nicht erreicht.
Industrielle Fischerei als Hauptproblem
OCEANS: Ist die industrielle Fischerei das wichtigste Problem, das gelöst werden muss?
Paul Watson: Absolut. Mein – bisher ungehörter – Rat: ein 75-jähriges Moratorium für die kommerzielle industrielle Fischerei. Der Ozean ist sehr widerstandsfähig und braucht dafür eigentlich nicht viel Zeit. Im 20. Jahrhundert gab es zwei Perioden, in denen sich das Leben im Meer deutlich erholte: den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, als wir zu sehr damit beschäftigt waren, uns gegenseitig zu bekämpfen, um in großem Stil zu überfischen. Auch während der Corona-Zeit begann sich vieles zu erholen. Wir geben dem Ozean diese Zeit aber einfach nie.

OCEANS: Welche politischen Maßnahmen sollten global priorisiert werden?
Paul Watson: Kommerzielle Fischereien brechen derzeit reihenweise zusammen – trotzdem wird weitergemacht, weil weltweit jährlich rund 90 Milliarden Euro an Subventionen fließen, um die Branche künstlich am Leben zu halten. Aus eigener Kraft wäre sie längst nicht mehr rentabel. Damit tragen Regierungen buchstäblich zur Zerstörung des Lebens in den Ozeanen bei.
OCEANS: Heißt das, wir sollten keine Meeresfrüchte mehr essen?
Paul Watson: Ja. Ich bin selbst in einem Fischerdorf im Osten Kanadas aufgewachsen, meine Heimatstadt war einst die größte Hummerfischerei der Welt – bis die Ressource zerstört war und die Wirtschaft der Region komplett zusammenbrach. Ich kann verstehen, dass Menschen etwa auf den Philippinen oder in Nigeria zum Überleben fischen müssen. Das Problem sind die riesigen Fabrikschiffe mit hundert Kilometer langen Schleppnetzen. Wir haben einmal ein einzelnes Netz eines einzigen Schiffs im Südpolarmeer geborgen: 72 Kilometer lang, 70 Tonnen schwer. Insgesamt sind derzeit schätzungsweise 60.000 Kilometer an Netzen und Angelschnüren im Ozean im Einsatz. Das ist keine Fischerei mehr, das ist industrielle Plünderung – subventioniert von Regierungen weltweit.
Die nächste Generation einbeziehen
OCEANS: Ist es Ihnen besonders wichtig, Kinder einzubeziehen?
Paul Watson: Absolut entscheidend – ich habe deshalb auch mehrere Kinderbücher geschrieben. Wenn Kinder einmal die Wichtigkeit des Themas verstanden haben, bleibt das ein Leben lang. Erwachsene tun sich sehr viel schwerer damit, Meinung oder Lebensstil zu ändern. Meine Antwort auf die Frage, was man Kindern beibringen soll, lautet meistens: nichts. Fördern Sie ihre Vorstellungskraft und Intuition – sie werden die Probleme lösen, wenn wir sie einfach machen lassen.

OCEANS: Haben Ihre eigenen Eltern Sie schon als Kind sensibilisiert?
Paul Watson: Leider nicht – meine Mutter starb, als ich noch sehr jung war, mein Vater war ein gewalttätiger Mann. Bei meinen eigenen Kindern, etwa meiner heute 45-jährigen Tochter, habe ich es anders gemacht: Ich habe sie immer ermutigt, ihrer eigenen Leidenschaft zu folgen, ohne Zwang. Sie ist heute sehr erfolgreich und trotzdem sensibel in Sachen Umwelt- und Tierschutz. Dasselbe versuche ich aktuell mit meinen zwei Söhnen im Alter von neun und vier Jahren.
OCEANS: Was möchten Sie abschließend hinzufügen?
Paul Watson: Wir müssen das wirklich ernst nehmen. Wenn wir die Artenvielfalt verlieren, verlieren wir den Ozean. Und wenn wir den Ozean verlieren, sterben wir.
Paul Watson – Schlüsseldaten
- 2. Dezember 1950: Geburt in Toronto
- 1971/1972: Teilnahme an der ersten Greenpeace-Kampagne (Amchitka, Alaska); Gründungsdirektor der Greenpeace Foundation
- 1977: Leitung der Greenpeace-Kampagne zum Schutz der Robben in Kanada, u. a. mit Brigitte Bardot. Nach seinem Rauswurf bei Greenpeace gründet er Sea Shepherd und etabliert die Strategie der „aggressiven Gewaltlosigkeit“
- 1979/1980: Verfolgung und Versenkung des Walfängers Sierra; Versenkung der Hälfte der spanischen Walfangflotte im Hafen von Vigo
- 1986: Versenkung der Hälfte der isländischen Walfangflotte in Reykjavik und Zerstörung der Walverarbeitungsfabrik
- 2005–2017: „Whale Wars“ – die langjährige Kampagne, die die japanische Walfangflotte aus dem Walschutzgebiet im Südpolarmeer drängt

Dieser Artikel wurde von Isabelle Croizeau für OCEANS N°2 geschrieben und für das Web angepasst.
Fotos: Sea Shepherd France
Titelbild: Rudolf Lo Schiavo

