Voll verschleiert: Winzige Schätze im Neptun-Schleier der Molukken

Auf der Suche nach versteckten Schätzen hat es mich auf die Molukken geführt. Dort zeigt mir mein Tauchguide zwei Winzlinge, die man nie und nimmer von allein gefunden hätte – weil schon das Versteck selbst gut getarnt ist.

Neptun-Schleier, einmal ganz anders

Bryozoen gibt es überall – vor allem an dunklen Orten, in Höhlen und unter Steinen. Sie können verkrustet, verzweigt oder vernetzt sein, wie etwa der Neptun-Schleier, den viele Taucher aus dem Mittelmeer kennen. Dort ist er vielleicht sogar die einzige Bryozoen-Art überhaupt.

Wir sind hier aber nicht im Mittelmeer, sondern auf den Molukken. Auch hier entdecken wir immer wieder Neptun-Schleier – allerdings nicht lachsrosa wie die atlantisch-mediterrane Art, sondern makellos weiß. Es handelt sich um eine Art der Gattung Triphyllozoon. Für Laien wie mich ist es unmöglich, zwischen den Arten zu unterscheiden. Aus der Nähe betrachtet fällt aber ein Unterschied zum mediterranen Schleier Reteporella grimaldii auf: feine weiße Fäden, die einen Kranz um die Kalkkolonie bilden. Man braucht schon ein gut geschultes Auge dafür – das Makroobjektiv meiner Kamera hilft, genauer hinzuschauen.

Das Bryozoon lebt übrigens in Symbiose mit einem Nesseltier mit fadenförmigen Polypen.

Wenn der Guide mehr sieht als man selbst

Bis zu diesem Moment hielt ich mich für ganz passabel darin, kleine Dinge selbst zu entdecken. Dann kommt Benito ins Spiel, mein indonesischer Guide mit Adleraugen – und, mindestens genauso wichtig, mit dem Wissen, wonach er sucht und wo er es findet.

Mit der Spitze eines Stücks Elektrokabel, einem improvisierten Mini-Zeigestock, versucht er, mir etwas in den Falten der Bryozoen-Kolonie zu zeigen. Ich kneife die Augen zusammen, zucke mit den Schultern. Geduldig nähert er sich noch einmal mit seinem Kabel – und plötzlich sehe ich es: eine winzige Grundel aus der Familie der Gobiidae, mit dunklen Flecken, die perfekt die regelmäßigen Spitzen ihres Wirtstiers imitiert. Später zeigt mir Benito, dass in praktisch jeder Kolonie, die wir während des Tauchgangs treffen, eine solche Grundel sitzt – man muss nur wissen, wonach man sucht.

Mit einer Länge von zehn Millimetern ist auch der Moostierchen Knallkrebs Synalpheus iocasta der Neptun-Spitze untertan.

Ein weiteres Ass im Ärmel

Doch der Indonesier hat noch mehr auf Lager: Er zeigt mir einen mikroskopisch kleinen Knallkrebs aus der Familie der Alpheidae. Für jeden Unterwasserfotografen eine echte Herausforderung – wie beleuchtet und fotografiert man ein Tier, das kaum zehn Millimeter groß ist und sich tief in einem Minitunnel des Bryozoen versteckt?

Wer glaubt, in der Unterwasserwelt schon alles gesehen zu haben, irrt gewaltig – so wie ich es tat.

Dieser Artikel wurde von Steven Weinberg für Oceans N°2 verfasst und für das Web angepasst.
Fotos: Steven Weinberg

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