Mafia Island

Tansanias unberührtes Unterwasser-Paradies

Die meisten Taucher kennen Sansibar. Die größte Insel Tansanias ist berühmt für ihre Strände, hat aber unter ihrem Erfolg gelitten: Massentourismus prägt oft das Bild. Nur wenige kennen die kleine, wilde Schwester im Süden: Mafia Island. Während Sansibar funkelt, leuchtet Mafia still vor sich hin, für Entdecker, die das authentische Afrika und eine Unterwasserwelt suchen, die noch fast so aussieht, wie die Natur sie schuf.

Anreise mit der Cessna

Es gibt nur zwei Wege auf die Insel. Von der Fähre vom Festland raten Einheimische und erfahrene Reisende dringend ab: Die Schiffe gelten als unsicher, überladen und unberechenbar in den Abfahrtszeiten. Die bessere Wahl ist ein zwölfsitziger Flug mit der Cessna ab Daressalam. Schon am Terminal beginnt die Zeitreise: mechanische Waagen für das Gepäck statt digitaler Anzeigen, ein Kapitän, der in der engen Kabine fast auf dem Schoß zu sitzen scheint. Nach etwa 30 Minuten blendet türkisfarbenes Wasser mit glitzernden Sandbänken, die an die entlegensten Atolle der Karibik erinnern.

Mafia Island ist das ideale Reiseziel für Naturliebhaber, die ruhe und Authentizität suchen.

Mafia ist die drittgrößte Insel Tansanias und das Herzstück eines Archipels aus neun Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind. Sie ist nur 50 Kilometer lang und 15 Kilometer breit. Die rund 50.000 Einwohner leben in kleinen, verschlafenen Dörfern entlang der Küste. Hektik scheint im lokalen Wortschatz nicht zu existieren.

Der Meerespark: Schutzgebiet der Superlative

Der 1995 gegründete Meerespark ist mit 822 Quadratkilometern das größte Meeresreservat im Indischen Ozean. Er umfasst Flussmündungen, dichte Mangrovenwälder, Korallenriffe und tiefe Kanäle, über 400 Fischarten sind hier dokumentiert. Die Tauchzentren liegen meist in Utende im Osten der Insel, nur etwa 20 Autominuten vom Flughafen entfernt.

Getaucht werden kann das ganze Jahr, Mafia ist aber ein klassisches Gezeitenrevier: Manche Plätze hängen stark von Ebbe und Flut ab, daher unbedingt vorher mit der Tauchbasis abstimmen. Bei Flut ist die Sicht in der Bucht meist kristallklar, bei Ebbe etwas trüber, dafür gibt es durch den Nährstoffreichtum oft die spannendsten Begegnungen mit Kleinstlebewesen.

Gefahren wird mit hölzernen Dhows, den traditionellen Segelschiffen der Swahili-Küste, heute mit kleinen Motoren. Zwischen den Tauchgängen kann man auf Kissen eine Siesta halten, ganz nach dem Lebensmotto der Tansanier: „Pole pole!“, „Ganz ruhig“ oder „Schritt für Schritt“.

Das Meeresschutzgebiet beherbergt mehr als 400 Fischarten.

Drei Arten zu tauchen

Die Bucht von Chole: Mit durchschnittlich nur etwa 15 Metern Tiefe sind diese Plätze für alle Erfahrungsstufen geeignet, aber nicht zu unterschätzen. Hier liegt die größte Hartkorallendichte der Region: Ganze Felder von Acropora-Korallen bieten Schutz für unzählige Fische, von winzigen Putzergarnelen über Napoleon-Lippfische und Grüne Meeresschildkröten bis zu riesigen Zackenbarschen. Highlights sind Coral Garden, Kinasi Pass und Milimani.

Muck Diving: Für Makro-Fans und Fotografen ist Mafia ein Eldorado. In rund sieben Metern Tiefe wirken Sandflächen und Seegraswiesen zunächst öde, entpuppen sich aber als Bühne für Seepferdchen, getarnte Froschfische und über 150 gezählte Nacktschneckenarten, darunter die berühmte „Shaun das Schaf“-Schnecke. Besonders empfehlenswert: Critter Alley und Nudi City.

Ein Tipp für Fortgeschrittene ist der Nachttauchgang am Hill. Schon die Bootsanfahrt lohnt sich: Der Sonnenuntergang über dem Wasser ist von der Ostseite nur vom Boot aus in voller Pracht zu sehen, während Tausende Livingstone-Flughunde von Insel zu Insel ziehen. Unter Wasser gehen Krabben auf Jagd, und Korallenpolypen strecken ihre Fangarme in die Strömung.

Außerhalb der Bucht: Für Advanced-Taucher gibt es Tauchgänge im offenen Meer bis 26 Meter Tiefe, mit kräftigen und unvorhersehbaren Strömungen. Dafür patrouillieren an den Steilwänden Riffhaie, große Rochen und Barrakuda-Schwärme, im Blauwasser tauchen gelegentlich pelagische Jäger auf. Diese Plätze sind in der Regel nur von Oktober bis März tauchbar, in den übrigen Monaten ist der Wind zu stark, um die Dhows sicher durch die Brandung zu bringen.

Walhaie: die sanften Riesen

Eine Population von rund 200 unreifen männlichen Walhaien lebt das ganze Jahr zwischen Mafia und dem Festland. Von Mitte Oktober bis Mitte Februar versammeln sie sich vor der Küste, mit der höchsten Dichte im November und Dezember. Mit drei bis acht Metern Länge sind es nicht die größten Exemplare, sie bleiben aber in seichtem Wasser und lassen sich gut beim Schnorcheln beobachten. Der Grund: Der Fluss Rufiji spült nach den zunehmenden Regenfällen auf dem Festland viele Nährstoffe ins Meer.

Weil nicht alle Anbieter die Schutzregeln einhalten, empfiehlt sich ein seriöser, umweltbewusster Veranstalter wie Kitu Kiblu. Hier gibt ein Meeresbiologe vor dem Eintauchen eine ausführliche Einweisung, begleitet die Gruppe und beantwortet danach alle Fragen. Die Gründer Dr. Jean de Villiers und Anne de Villiers sind Gründungsmitglieder der Mafia Island Whale Shark Conservation Society: Sie hat Verhaltenskodizes eingeführt, Aufklärungskampagnen und Forschungsprojekte angestoßen und sich sogar für eine Steuer auf Walhai-Tourismus eingesetzt, um Mittel für den Schutz der Tiere zu schaffen.

2021 gründeten sie zusätzlich die Organisation Ropes of Hope, die die durch Überfischung während der Covid-Zeit geschädigten Korallenriffe wiederherstellen soll. Wer in der Bucht taucht, stößt eventuell auf eine der Aufzuchtstationen, Infos gibt es im Tauchzentrum.

Eine Gürtel-Prachtstern-Nacktschnecke (Glossodoris cinta), eine der unzähligen Nacktschnecxkenarten, die in den Gewässern der Insel Mafia leben.

Fazit: ein Relikt der alten Swahili-Küste

Mafia ist keine Alternative zu Sansibar: Wegen der vielen Mangroven gibt es kaum lange, weiße Sandstrände, und Schnorcheln vom Strand ist wegen des Schiffsverkehrs verboten. Dafür ist die Insel ein echtes Relikt der alten Swahili-Küste, geschützt vor Massentourismus, mit ökotouristischen Ausflügen, die auch die Einwohner einbeziehen.

Zusätzlich gibt es saisonale Highlights: Zwischen Juni und Mitte August schlüpfen auf der Insel Juani Grüne Meeresschildkröten (vorher beim Tauchzentrum nachfragen). Zwischen Mitte August und Mitte September organisiert das Tauchzentrum einen Tagesausflug zur Buckelwal-Beobachtung inklusive Barbecue auf der Sandbank Mange, mit Schnorchel- und Tauchmöglichkeit am umliegenden Riff.


Landausflug: Chole und die Ruinen von Kua

Ein geführter Ausflug zur Insel Chole, gegenüber dem Tauchzentrum, lohnt sich: Sie war früher die Hauptstadt des Archipels (Chole Mjini, „Chole-Stadt“). Schon im 8. Jahrhundert nutzten persische Dhaus den Archipel als Handelsstation zwischen Ostafrika und Asien, und noch heute sind Überreste arabischer Gebäude zu sehen.

Auf der Insel Juani liegen die Ruinen von Kua, einer nationalen historischen Stätte aus dem mittelalterlichen Swahili, von Siedlern aus Kilwa gegründet. Zwischen verfallenen Mauern, überwuchert von Würgefeigen, entdeckt man Moscheen, einen Friedhof, einen Palast mit Lagerhaus, eine Krankenstation und eine Schule, finanziert durch den damals lukrativen Handel mit Kaurimuscheln. Grüne Meerkatzen tummeln sich zwischen den Gebäuden, am besten besucht man die Stätte am späten Nachmittag. Nicht verpassen: die Blaue Lagune, ein großes natürliches Überlaufbecken mit Blick aufs offene Meer.

Kleiner Hinweis zum Namen: Mafia stammt entweder vom arabischen morfiyeh („Archipel“) oder vom Kiswahili-Wortmahali pa afya („gesunder Ort“) und hat nichts mit dem organisierten Verbrechen zu tun.

Reiseinfos: Mafia Island

AnreiseFlug nach Daressalam, z. B. mit Turkish Airlines über Istanbul oder mit Ethiopian Airlines über Addis Abeba; von dort ca. 30 Minuten Regionalflug nach Mafia Island (Auric Air oder Coastal Air), anschließend ca. 20 Minuten Autofahrt zur Unterkunft
Klima und ReisezeitOktober bis März: sonnige Jahreszeit;
April bis September: kühler (20–24 °C), weiterhin angenehm;
Regenzeit (Mitte April bis Mitte Mai): ungeeignet
Zeitverschiebung+2 Stunden im Winter, +1 Stunde im Sommer
WährungTansania-Schilling (Zahlung in Dollar offiziell nicht mehr zulässig), 1 € ≈ 2.941 TZS
AusrüstungNovember bis März: Shorty oder 3 mm (ca. 29 °C)
Mai bis Oktober: 5–7 mm (ca. 25 °C).
VerpflegungLokale Restaurants in Kilindoni oder direkt am Strand, gute Auswahl zu angemessenen Preisen
TauchbasisMafia Island Diving (eines von drei Zentren auf der Insel): maximal vier Taucher pro Dive Master, vier motorisierte Boote für 6–12 Taucher, SSI- und PADI-Kurse, kein Nitrox
UnterkunftKivulini Lodge: für kleineres Budget, fünf Autominuten vom Strand Utende, Klimaanlage, WLAN, Pool, Transfer zum Zentrum
Base Camp: gehobener, direkt am Meer neben der Tauchbasis, mit Spa, Pool und Restaurant

Dieser Artikel wurde ursprünglich von Morgane Petit-Gardner für OCEANS Nr. 2 geschrieben und für das Web angepasst.
Fotos: William Maisonneuve, Simon J. Pierce

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