Es gibt Tauchgänge, die man mit jeder Faser seines Seins erlebt. Bei der HMS Nottingham war dieser Moment am Heck des Schiffes gekommen: In der grünen Stille der Nordsee, wo nur unsere Lichtkegel durch schwebende Partikel schnitten, tauchten plötzlich bronzene Buchstaben auf, erhaben geprägt und unerschütterlich: NOTTINGHAM. Aus einer monatelangen, oft frustrierenden Suche wurde in diesem Augenblick ein sicherer Befund.
Die spannendsten Wracks beginnen nicht mit dem Sprung ins Wasser, sondern in staubigen Archiven, kaum lesbaren Logbüchern und Karten, die nach Salz riechen, obwohl sie seit Jahrzehnten trocken liegen.
Ein Kreuzer als Augen und Ohren der Flotte
Der Alltag der Nordsee im Ersten Weltkrieg bestand vor allem aus Aufklärung – die Aufgabe der leichten Kreuzer. Sie waren schnell genug, um den Feind aufzuspüren, wendig genug für die Flucht, bewaffnet genug für die Verteidigung. Die Nottingham gehörte zu dieser Klasse und war an zentralen Ereignissen wie Helgoland 1914 und der Skagerrakschlacht 1916 beteiligt – Kreuzer wie sie waren keine Statisten, sondern operative Schlüsselfaktoren.

1916: Eine Falle schnappt zu
Nach Skagerrak wurde die Nordsee nicht ruhiger: U-Boote gewannen an Bedeutung. Im August 1916 lief eine deutsche Operation an, die britische Kräfte binden sollte. Am 19. August geriet die Nottingham in diese Falle: Das U-Boot U 52 unter Hans Walther feuerte Torpedos ab, die das Schiff manövrierunfähig machten und die Stromversorgung zerstörten. Hunderte Männer wurden gerettet, doch für 38 Seeleute kam jede Hilfe zu spät (Details siehe Infobox).
Eine kuriose Randnotiz: U 52 fand später bei den treibenden Rettungsbooten die Schiffskatze der Nottingham und brachte sie mit nach Deutschland – ein Detail, das daran erinnert, dass Krieg nicht nur aus Stahl und Strategie besteht.
Warum das Wrack heute so bedeutsam ist
Die Nottingham galt als letzter fehlender britischer Kreuzer dieser Epoche – fast alle Schwesterschiffe wurden zwischen den Weltkriegen verschrottet, sie liefert also ein einzigartiges 3D-Referenzobjekt. Die 82 Meter Tiefe liegen weit jenseits normaler Sporttauchgänge und haben das Wrack entsprechend gut geschützt – zugleich eine klare Ansage: kein Ort für einen Wochenendausflug. Und: Es ist ein Kriegsgrab. An der Brücke oder den Geschützen vorbeizuschweben macht spürbar, dass es hier um menschliche Geschichte geht.
Von der Suchbox zum Sonarbild
Monatelang glichen wir britische Logbücher, Admiralitätstelegramme und Seekarten mit deutschen U-Boot-Aufzeichnungen ab. Positionen wurden im Gefecht oft nur näherungsweise bestimmt, kleine Übertragungsfehler zwischen Koordinatensystemen erzeugen Verschiebungen von mehreren Seemeilen. Als Muttersprachler und Nautiker analysierte ich die deutschen Kriegstagebücher – dank akribischer Rasterkarten-Navigation oft erstaunlich präzise. Am Ende entstand kein einzelner Punkt, sondern ein Suchfeld mit Unsicherheitskorridoren: unsere „Searchbox“.

Im April 2025 kam der Durchbruch per Side-Scan-Sonar: Ein „Towfish“ wird über den Meeresgrund gezogen und zeichnet Schallechos als Licht-Schatten-Signatur auf. Nach Tagen der Frustration untersuchten wir eine von Fischern gemeldete, zunächst nicht priorisierte Markierung – und sahen zwei hauchdünne, absolut gerade Linien mit massivem Schattenwurf. Ein großes Schiff. Die Messungen und die Ausrichtung passten perfekt zur Nottingham. Es brauchte noch zwei weitere Tage präziser Berechnung, um das Wrack reproduzierbar zu lokalisieren: acht bis zehn Meter aufragend, umgeben von gefährlichen Geisternetzen.
Die Expedition und der Tauchgang
Die Rückkehr im Juli 2025 war die eigentliche Bewährungsprobe: ein internationales Team aus zehn Tauchern, große Mengen Trimix und Sauerstoff, enge Zeitfenster durch Wetter und Gezeiten. Ausgangspunkt war Eyemouth in Schottland. Nach fast sechsstündiger Anfahrt musste im entscheidenden Moment absolute Konzentration stehen – eine zweite Chance gab es an diesem Tag nicht. Die Shotline landete glücklicherweise direkt neben der Steuerbordseite, nahe der achteren 6-Zoll-Geschütze.
In 82 Metern Tiefe zeigte sich das Wrack mit starker Schlagseite nach Backbord. Große Teile des Holzdecks sind erhalten, Davits liegen wie vergessene Skelette über dem Deck. Die Strömung drehte im Verlauf des Tauchgangs – entscheidend für die Wegplanung, damit man am Ende nicht gegen die Strömung zum Aufstiegsseil zurückkämpfen muss.
Die Identifikation
Wir identifizierten neun der charakteristischen 6-Zoll-Geschütze, exakt in der aus den Bauplänen bekannten Verteilung, samt ungenutzter Munition in der Nähe – ein Zeichen, dass hier bis zur letzten Sekunde gekämpft wurde. Hinter der Brücke fanden wir weiße Teller mit dem Kronenemblem der Royal Navy. An der nach vorn gestürzten Brücke ragte der Maschinentelegraf aus einem Feld von Artefakten – einst Symbol für Macht, heute unbeweglich inmitten zerfallener Strukturen. Richtung Bug erreichten wir die massive Bruchzone, wo die Panzerung durch die Torpedo-Explosionen förmlich nach außen aufgeblättert wurde. Logbucheinträge und Befund deckten sich hier präzise.

Fotografie in der Tiefe
Fotografieren in 82 Metern ist ein präziser, fast militärischer Ablauf: Jede zusätzliche Minute in der Tiefe kostet später ein Vielfaches an Dekompressionszeit, dazu kam ständig wechselnde Sicht durch Schwebeteilchen. Mein Prinzip: erst der Beweis, dann die Reportage. Zuerst dokumentiere ich Geschütze, Ankeranlage und Schadenszone sauber und technisch einwandfrei, erst danach folgen atmosphärische Bilder. Die größte Herausforderung bleibt Backscatter – gelöst durch flaches Licht, Abstand zum Motiv und dunklen Hintergrund.
Der emotional stärkste Moment war für mich nicht das spektakulärste Motiv, sondern der Schriftzug am Heck neben einem kleinen Bullauge – und der Gedanke, dass hier vor über hundert Jahren ein Mensch stand, während draußen die tödlichen Torpedos im Anlauf waren. Dabei gelten klare Grenzen: Wir gehen nie näher heran, fassen nichts an. Dieses Wrack ist ein Kriegsgrab. „Look, don’t touch“ ist hier keine Floskel, sondern eine heilige Pflicht.

Was die Nottingham heute sagen kann
Das Projekt zeigt drei Dinge: Dass das Finden eines solchen Ortes nicht vom Glück abhängt, sondern das Ergebnis methodischer Arbeit ist. Wie wertvoll saubere wissenschaftliche Dokumentation ist – Sonarbild, Fotografie und Vermessung bilden einen Datensatz, der auch in Jahren noch für Historiker relevant bleibt. Und dass Respekt kein Widerspruch zur Begeisterung ist.
Für mich persönlich bleibt die HMS Nottingham vor allem eine Erinnerung an die Kraft der Details: ein Schriftzug, eine rostige Kette, ein einsamer Telegraf – Dinge, die uns heute direkt mit den Ereignissen von vor über hundert Jahren verbinden.

Der Untergang im Detail: 19. August 1916
- 05:30 Uhr: Die HMS Dublin sichtet im Dunst ein vermeintliches Fischerboot – tatsächlich U 52 in Angriffsposition
- 05:54 Uhr: Zwei Torpedos treffen backbords im Vorschiff; die Nottingham ist manövrierunfähig und ohne Strom
- 06:25 Uhr: Ein dritter Torpedo trifft mittschiffs – der Fangschuss. Schwere Schlagseite, das Schiff sinkt über das Heck
- 07:10 Uhr: Die Nottingham sinkt 120 Seemeilen südöstlich des Firth of Forth. Die Zerstörer HMS Penn und HMS Oracle retten 442 Mann, 38 Seeleute sterben
Nachspiel: Für die Versenkung der Nottingham und des französischen Schlachtschiffs Suffren erhielt U-52-Kommandant Hans Walther 1917 den Orden Pour le Mérite. Dass unser Team das Wrack 110 Jahre später fast exakt an der von Walther im Kriegstagebuch vermerkten Position fand, unterstreicht die Präzision der damaligen U-Boot-Navigatoren.
Technische Daten: HMS Nottingham
| Merkmal | Detail |
|---|---|
| Schiffstyp / Klasse | Leichter Kreuzer, Town-Klasse |
| Stapellauf | 18. April 1913 |
| Maße | 139,3 m lang, 15,2 m breit, 5 m Tiefgang |
| Verdrängung | 5.400 t |
| Antrieb / Leistung | 12 Yarrow-Kessel, Dampfturbinen, 25.000 Wellen-PS |
| Höchstgeschwindigkeit | 25,5 Knoten |
| Besatzung | 480 Mann |
| Bewaffnung | 9 × 6-Zoll-Geschütze (15,2 cm), 4 × 3-Pfünder, 2 Torpedorohre (53,3 cm) |

Dieser Artikel wurde von Dr. Steffen G. Scholz und Alexandra Pischyna für OCEANS N°2 verfasst und für das Web gekürzt und angepasst.
Fotos: Dr. Steffen G. Scholz




