Atemnot passiert nicht nur den anderen. Egal ob Anfänger oder erfahrener Taucher – sie kann jeden plötzlich überkommen und die Sicherheit des Tauchgangs gefährden. Umso wichtiger ist es, das Thema ernst zu nehmen. Hier die wichtigsten Tipps zur Vorbeugung.
An Land kennen wir das alle: Nach körperlicher Anstrengung oder bei Stress, Angst und Beklemmung beschleunigt sich unsere Atmung spürbar. In beiden Fällen verstärkt das Gefühl der Atemnot die Hyperventilation zusätzlich – es dauert oft ein paar Minuten, bis sich Atmung und Herzschlag wieder beruhigen. Reagiert der Körper beim Tauchen so, kann das ernste Folgen haben: Im besten Fall verbraucht man die Flasche in Rekordzeit. Im schlimmsten Fall drängt die Panik dazu, unter Missachtung aller Sicherheitsregeln sofort aufzutauchen.
Vorbeugung beginnt an Land
Stress und Müdigkeit sind die größten Risikofaktoren für Atemnot unter Wasser. Ein unausgeruhter Körper hat schlicht weniger Reserven, um gegenzusteuern. Die Grundregel lautet daher: Wer sich nicht fit fühlt, sollte nicht tauchen.
Auch die Ausrüstung spielt eine große Rolle für den Atemkomfort:
- Atemregler: muss gewartet und richtig eingestellt sein. Ein hoher Atemwiderstand ermüdet die Atemmuskulatur direkt.
- Anzug: muss passen und darf beim Atmen nicht einengen. Je nach Dicke variiert die Flexibilität des Neoprens – ein zu enger Anzug drückt auf den Brustkorb und behindert die Atmung erheblich.
- Tarierweste: darf die Bewegung des Brustkorbs nicht einschränken.
- Gewichtsverteilung: zu viel Blei kostet Kraft beim Vorwärtskommen – und ab einer bestimmten Tiefe hilft auch das Aufblasen der Weste kaum noch gegen das Absinken. Zu wenig Gewicht wiederum zwingt zu ständigem Flossenschlag, um die Tiefe zu halten. Beides führt zu Erschöpfung und schnellerer Atmung.

Ein oft unterschätzter Faktor: Stress beim Ausrüsten auf dem Boot. Wer weiß, dass er länger braucht als die anderen, sollte das einplanen und früher anfangen – statt sich zu hetzen, um mit den erfahrenen Tauchern mitzuhalten, die sich oft erst in letzter Sekunde fertig machen. Psychologisch ist es entspannter, selbst etwas zu warten, als mit rasendem Puls die Gruppe warten zu lassen.
Effizient unter Wasser bewegen
Die eigenen Kräfte an der Wasseroberfläche nicht überschätzen: Entfernungen auf See täuschen leicht. Wer glaubt, ein Ziel schnell an der Oberfläche erreichen zu können, riskiert, dort bereits außer Atem anzukommen. Ist das der Fall, gilt: abbrechen oder mindestens zehn Minuten Pause machen, bis sich der Puls normalisiert hat.
Unter Wasser gilt: Ein Tauchgang ist kein Wettkampf. Lieber:
- regelmäßig innehalten und die Umgebung beobachten
- mit weiten, gleichmäßigen Flossenschlägen schwimmen – das spart deutlich Energie
Ist der Guide zu schnell unterwegs, ruhig ein Zeichen zum Verlangsamen geben. Nicht mithalten zu können ist keine Schande – ein Hinweis besonders für Anfänger, die aus Angst vor Bewertung manchmal über ihre Grenzen gehen.
Auch Fotoausrüstung verdient Aufmerksamkeit: Gehäuse und Blitze sind nicht besonders hydrodynamisch und kosten bei jeder Bewegung zusätzliche Kraft. Grundsätzlich gilt: so ruhig wie möglich atmen, tief einatmen und vor allem lange und bewusst ausatmen. Den Atem anzuhalten, um Luft zu sparen, ist tabu – dadurch staut sich Kohlendioxid im Körper, was den Atemreiz verstärkt und erst recht in die Atemnot treibt.

Mit Strömung, Kälte und Wellen umgehen
Nicht gegen die Elemente ankämpfen – das ist reine Vernunft. Je nach Tauchplatz startet man idealerweise mit dem Rücken zur Strömung. Muss man gegen die Strömung schwimmen, dann am Anfang des Tauchgangs, wenn man noch frisch ist – auf dem Rückweg hat man sie dann im Rücken.
Wird man von einer starken Strömung überrascht, lieber treiben lassen und die Signalboje setzen, um dem Boot die Position zu zeigen, statt sich zu verausgaben.
Auch kaltes Wasser kann Atemnot begünstigen, da der Kältereiz die Atemfrequenz sofort erhöht – Zeit geben, sich an die Temperatur zu gewöhnen. Bei rauer See: an der Leine nicht unnötig Kraft verschwenden, sondern die Weste aufblasen und sich entspannt treiben lassen, bis der Rest der Gruppe da ist.
Was tun, wenn Atemnot auftritt?
Trotz aller Vorsicht kann es passieren. Die wichtigste und einzig wirksame Sofortmaßnahme: jede körperliche Aktivität sofort einstellen. Das kann Leben retten.
Den Buddy und auch den Guide mit dem entsprechenden Zeichen informieren – oder von einem anderen Taucher informieren lassen. Auf keinen Fall selbst versuchen, ihn einzuholen, um das Zeichen persönlich zu geben – das würde die Situation nur verschlimmern.
Nicht mehr bewegen. In der Nähe eines stabilen Untergrunds knien oder hinlegen – in diesem Moment zählt die eigene Sicherheit mehr als Rücksicht auf Fauna und Flora.
Der wichtigste Trick: Nach dem „Landen“ nicht versuchen, lang und tief einzuatmen – auch wenn sich genau danach der Körper sehnt. Stattdessen so lange und tief wie möglich ausatmen, fast bis zum Husten in den Atemregler. Erst danach normal einatmen. Diesen Vorgang mehrmals wiederholen – meist reichen 4 bis 5 Mal – bis sich das normale Einatmen auch wieder normal anfühlt.
Genauso wichtig: mental stark bleiben. Dem Drang widerstehen, sofort aufzutauchen. Jedes Problem in der Tiefe sollte auch in der Tiefe gelöst werden. Diese Selbstbeherrschung, kombiniert mit der Technik des forcierten Ausatmens macht die halbe Miete aus – sie verhindert Panik und damit gefährliche Fehler. Wer der Panik nachgibt, erhöht Herz- und Atemfrequenz weiter und gerät in einen Teufelskreis, der die Atemnot noch verstärkt.
Sobald Kopf und Atmung wieder ruhig sind, kann der Tauchgang fortgesetzt werden – dabei aufpassen, nicht in dieselbe Situation zurückzufallen. Wer der Vorfall verunsichert, sollte den Tauchgang für diesen Tag lieber beenden.
Training an Land hilft
Zwei Übungen haben sich bewährt:
- Intervalltraining: Intensiv trainieren, bis man außer Atem ist, dann die Übung unterbrechen und die Technik des forcierten Ausatmens anwenden.
- Training mit Ausrüstung: Die komplette Tauchausrüstung anlegen und an Land Übungen machen, die außer Atem bringen – dann wie im Ernstfall unter Wasser reagieren. Das kommt einer realen Situation besonders nahe.
Solche Übungen helfen, die psychologische Angst vor Luftmangel zu überwinden, ohne in echte Panik zu verfallen. Man lernt, die Kontrolle zu behalten, selbst wenn der Körper Alarm schlägt – und bleibt so unter Wasser ruhig und sicher.

Dieser Text wurde ursprünglich von Isabelle Croizeau für OCEANS N°2 geschrieben und für das Web angepasst.
Fotos: Nicolas Barraqué




