Zeitenwende 2.0: Sackgasse Tauchcomputer?

In Sachen Uhren dreht sich alles um die Zeit. Im zweiten Teil unserer Serie werfen wir einen Blick auf die Probleme und Risiken früher Dekompressionscomputer – und warum die klassische Taucheruhr trotz modernster Technik bis heute eine wichtige Rolle spielt.

„Der DC12 geht ja schon auf dem Weg zum See in die Deko.„ Mit diesem deutlich überzogenen, aber vielen langjährigen Tauchern noch bekannten Zitat beginnt unsere Geschichte. Ganz so schlimm war es natürlich nicht – doch dass der Scubapro DC12 dramatisch verkürzte Nullzeiten errechnete, zeigt das erste große Problem der frühen Dekompressionscomputer Anfang der 1990er: Die Hersteller mussten Deko-Unfälle um jeden Preis vermeiden, auch bei Risikogruppen wie sehr jungen oder älteren Tauchern sowie Menschen mit Übergewicht oder hohem Nikotinkonsum.

Gleichzeitig veränderte sich die Tauchkultur: Die wachsende Gruppe der Urlaubstaucher verließ sich zunehmend blind auf die Technik, während das Verständnis für die Grundlagen von Tiefe und Zeit in den Hintergrund rückte – verstärkt dadurch, dass die großen US-Verbände die Dekompressionstabellen aus den Einstiegsbrevets verbannten. Der Computer wurde vom nützlichen Extra zum unverzichtbaren Standard.

Die Ära der „Black Boxes“

Computer wie der legendäre Aladin, das Microbrain oder frühe Suunto-Modelle waren für die damaligen Sporttaucher revolutionär – und doch mit gravierenden Schwachstellen behaftet. Ihre stark vereinfachten Rechenmodelle scherten alle Taucher über einen Kamm und wurden zunehmend konservativer. Schlimmer noch: Manche Geräte bestraften das Überschreiten der berechneten Grenzen mit einem „Error-Lockout“ – der Computer schaltete sich für 24 bis 48 Stunden einfach ab, mitten im Tauchurlaub. Manche Tauchbasen nutzten das gezielt, um Kunden zur Einhaltung der Nullzeiten zu zwingen.

Bestseller: Der Aladin Pro war der beliebteste Rechner der zweiten Generation und wird heute noch von vielen Tauchern genutzt. Der große Nachteil: Die Batterie kann nur im Fachhandel gewechselt werden.

Bei Nullzeittauchgängen bis 20 Meter erlaubten die klassische Uhr und der Tiefenmesser in Verbindung mit der simplen 90er-Regel oft sogar längere Tauchzeiten als die frühen Computer; Taucher, die an diese Form der Planung gewöhnt waren, kannten ihre Grenzen nachweislich bewusster. Die Industrie reagierte und brachte mit dem Aladin Pro und dem Microbrain Pro eine zweite Generation, die auch jenseits der 40-Meter-Marke sichere Dekozeiten berechnete. Ein Problem blieb: Trimix und oft selbst Nitrox wurden nicht unterstützt.

Hardware-Alpträume und Funk-Tücken

Ein Dauerproblem war der Batteriewechsel: Bei Klassikern wie dem Uwatec Aladin Pro war die Batterie fest verlötet, das Gehäuse zum Druckausgleich mit Öl gefüllt – ein fachmännischer Service war zwingend nötig. Offenbarte der Computer seine Batterieschwäche mitten im Urlaub, war das der vorzeitige Ausfall des digitalen Begleiters. Auch die LCD-Displays waren oft niedrig auflösend und bei schlechtem Licht kaum zu entziffern – hier war selbst die einfachste Taucheruhr mit Superluminova-Beschichtung klar im Vorteil.

Mitte der 90er folgte mit dem Aladin Air X eine echte Sensation: Luftintegration per Funkübertragung, die die Restluftzeit in Echtzeit berechnete. Doch die Funkverbindung war störanfällig – ein Kamerablitz oder ein naher Sender reichten, um die Anzeige auf „0 bar“ springen zu lassen. Und auch hier blieb das Batterie-Dilemma bestehen.

Keine Transparenz: von der Tabelle zur Black Box

Während die klassische Dekompressionstabelle ein offenes Buch war – nachvollziehbar und in ihren Grenzen berechenbar – verwandelte der Computer den Tauchgang in eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Die Hersteller hüteten ihre Algorithmen wie Geheimnisse.

Besonders deutlich wurde das mit dem RGBM (Reduced Gradient Bubble Model), das vor allem Suunto prägte und zusätzlich zur Gewebesättigung auch Mikroblasen im Blut berücksichtigte. Das Ergebnis im Taucheralltag war oft verwirrend: Zwei Buddys mit unterschiedlichen Geräten – einer mit klassischem Bühlmann-Modell, einer mit RGBM – konnten zur gleichen Zeit völlig unterschiedliche Werte angezeigt bekommen. Die Folge: Viele Taucher kauften sich das „gnädigste“ statt das sicherste Gerät, oder ignorierten den Computer, wenn er ihnen „zu konservativ“ erschien.

„Ein Tauchcomputer sagt dir, was du tun sollst. Eine Uhr und ein Tiefenmesser sagen dir, wo du bist. Ein guter Taucher weiß immer beides.“

Die „Ballesta“-Uhr: Mit einem von Laurent Ballesta entwickelten Tauchzeitring für mehrstündige Rebreather-Tauchgänge.

Die Renaissance der Taucheruhr

Trotz des Siegeszugs der Computer blieb die klassische Taucheruhr für viele erfahrene Taucher mehr als nur ein Backup:

  • Absolute Transparenz – kombiniert mit der Tabelle behält der Taucher die volle Kontrolle über seine Sättigung
  • Physikalische Unverwüstlichkeit – während ein Computer bei leerer Batterie zum Totalausfall wird, bleibt eine mechanische Uhr ein autarkes Instrument
  • Perfekte Ablesbarkeit – kein kontrastarmes Display kann mit einem analogen Zifferblatt mithalten

Moderne Tauchcomputer: Viel mehr als Uhr und Tabelle

Heutige Profi-Geräte von Shearwater, Garmin oder Ratio haben die Schwachstellen der Altvorderen weitgehend abgestellt. Sie rechnen Multigas- und Trimix in Echtzeit, unterstützen Rebreather-Bailout-Planung und bieten mit Gradienten-Faktoren die Möglichkeit, die eigene Dekokurve individuell anzupassen. Brillante AMOLED-Displays mit Farbcodierung (Grün/Gelb/Rot) sorgen für schnelle Entscheidungen, auch bei Tiefenrausch – ergänzt um Gas Time Remaining und Vibrationsalarme.

Doch ein Risiko bleibt: die Informationsflut. Ein Anfänger mit 1 500-Euro-Trimix-Computer ist immer noch ein Anfänger – nur mit einem teureren Instrument für den Ernstfall.

Die goldene Regel: Ein Computer ist ein Backup für dein Gehirn, nicht umgekehrt.

Drei Gründe, warum viele Tech-Taucher trotzdem bis heute eine mechanische Taucheruhr samt Tiefenmesser mitführen:

  1. „Two is one, one is none“ (Redundanz): Elektronik kann versagen – eine mechanische Uhr und ein analoger Tiefenmesser funktionieren rein physikalisch, ohne Software-Bugs oder leere Akkus.
  2. Unabhängigkeit der Datenquelle: Zwei identische Computer teilen oft Sensorik und Software – ein systematischer Fehler träfe beide gleichzeitig. Ein mechanisches Backup ist echte Systemvielfalt.
  3. „Deco on the Fly“ braucht nur zwei Zahlen: Für eine Dekoberechnung im Kopf reichen aktuelle Tiefe und verstrichene Zeit – geliefert von einer gut lesbaren Lünette und einem analogen Tiefenmesser, präzise und ohne Ablenkung.
Ist das mitgelieferte Armband zu kurz – wie hier beim Test der genialen Seiko-Taucheruhr – muss man als Trockentaucher erfinderisch sein.
Foto: Veikko Kummich

Deco on the Fly für einen Tieftauchgang auf 80 Meter

80 Meter sind „harter Tobak“: hypoxisches Trimix, mehrere Stage-Flaschen und eine Dekompressionsverpflichtung, die oft das Doppelte oder Dreifache der Grundzeit beträgt. Dennoch ist Deco on the Fly (DOTF) möglich – und sollte von jedem ambitionierten Tekkie regelmäßig trainiert werden.

DOTF, oft auch als Ratio Deco bezeichnet, ist kein Raten oder Schätzen, sondern die Anwendung gelernter mathematischer Muster im Kopf. Es dient als ultimatives Backup bei Computer-Ausfällen – oder als notwendiger Realitätscheck für das, was die „Black Box“ am Handgelenk vorgibt.

Die Philosophie dahinter: DOTF basiert auf der Erkenntnis, dass Dekoprofile für ähnliche Tiefenbereiche einer logischen Kurve folgen. Statt Tabellen auswendig zu lernen, verinnerlicht man die Ratio zwischen Grundzeit und Dekoverpflichtung sowie die strategischen Fixpunkte der Gaswechsel.

Das mentale Gerüst: Bei 80 Metern nutzt man typischerweise eine Ratio von 1:2 oder 1:3 (abhängig vom Verband und Konservatismus), bezogen auf die Zeit am 6-Meter-Stopp.

Die Eckdaten (Beispiel):

  • Tiefe: 80 Meter
  • Gas: Hypoxisches Trimix (z. B. 10/70 oder 12/60)
  • Deko-Gase: Nitrox 50 (auf 21 m) und Sauerstoff (auf 6 m)

Die Faustformel für den Sauerstoff-Stopp bei einem 1:2-Modell lautet: T 6m = Grundzeit × 2. Bei 20 Minuten Grundzeit auf 80 Metern ergeben sich also etwa 40 Minuten auf sechs Metern.

Die Treppe nach oben – drei Phasen:

PhaseTiefenbereichPrinzip
A – Deep Stops80 m bis 21 mKurze Stopps (ca. 1 Min.) alle 3–6 m, Beginn bei etwa halber Maximaltiefe (ca. 40 m); kontrolliert früh das Blasenwachstum
B – Nitrox-Bereich21 m bis 9 mGaswechsel auf EAN50 bei 21 m; Stoppzeiten oft als Prozentsatz der 6-m-Zeit definiert („S-Profil“: Stoppzeit verdoppelt sich, je flacher)
C – Sauerstoff-Phase6 mHauptteil der Entsättigung; die berechnete T 6m wird abgesessen, Sauerstoff-Partialdruck wird voll ausgenutzt (pO₂ ≈ 1,6 bar)
Vintage: der Autor mit seiner Lieblingsuhr (Fifty Fathoms) nebst Tiefenmesser beim Dekostopp nach einem Tauchgang im Mittelmeer.

Die drei goldenen Regeln:

  1. Gasplanung: DOTF funktioniert nur mit ausreichenden Reserven. „Deco on the Fly“ heißt niemals „Gasplanung on the Fly“ – die Reserven müssen vorab konservativ kalkuliert sein (z. B. Bühlmann mit hohem Gradienten-Faktor).
  2. Linearität: Die Ratio ändert sich mit der Tiefe. Zwischen 70 und 90 Metern bleibt sie oft stabil, lässt sich aber nicht linear auf 40 Meter übertragen – das Profil wäre dort massiv zu lang.
  3. Mentale Kapazität: 80 Meter bedeuten Stress. DOTF ist ein Werkzeug zur Plausibilitätsprüfung; in der Vorbereitung kalibriert man das mentale Modell mit Software wie MultiDeco.

Unter Profis gilt: DOTF auf 80 Metern setzt voraus, dass man sein Profil im Schlaf beherrscht. Es ist die Königsdisziplin und erfordert permanentes Training, damit man auch unter dem Einfluss von Helium und Stress in der Tiefe noch fehlerfrei rechnet.


Ausblick: Die Bühlmann-Uhr

Dass die Entwicklung nicht stehen geblieben ist und die Welten von klassischer Anzeige und präziser Dekompression heute enger zusammenrücken als je zuvor, zeigt ein neues Projekt: eine Uhr, die den Namen des Pioniers trägt, dessen Modelle wir bis heute nutzen. Im dritten Teil unserer Serie werfen wir einen Blick auf die neue Bühlmann-Uhr.

Die Serie im Überblick:

  1. Zeit, Tiefe und Dekotabelle werden eins
  2. Sackgasse Tauchcomputer? (dieser Artikel)
  3. folgt: Neuanfang Taucheruhr und Tiefenmesser
  4. folgt: Kaufberatung für Ihre Taucheruhr

Dieser Artikel wurde ursprünglich von Dietmar W. Fuchs für OCEANS N°2 geschrieben und für das Web angepasst.
Fotos: Thomas Becker, Dietmar Fuchs, Veikko Kummich, Hersteller

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