Östlich von Dresden liegt eines der ungewöhnlichsten Tauchreviere Deutschlands: ein ehemaliges Kalksteinbergwerk, dessen überflutete Stollen heute speziell ausgebildeten Höhlentauchern vorbehalten sind. Zwischen Werkzeugen, Loren und den Spuren des Bergbaus taucht man hier buchstäblich durch die Geschichte – bei kristallklarer Sicht, aber auch bei nur 7 Grad Wassertemperatur.
Ein Zufallsfund auf YouTube
Bei einer Recherche auf YouTube stoße ich auf ein kurzes Video über ein Bergwerk, das ich noch nicht kenne. Die Bildqualität ist mäßig, aber sie reicht, um meine Neugier zu wecken. Es handelt sich um das Bergwerk „Miltitz“ in Sachsen – und ich beginne sofort zu recherchieren.

Wer hier tauchen möchte, braucht Geduld: Nach der Anmeldung per E-Mail muss man bis Juni warten, bis die verfügbaren Termine bekannt gegeben werden. Getaucht wird nur zwischen September und April, mit maximal 15 Tauchern pro Tag – wer einen Platz will, muss schnell reagieren.
Sobald die E-Mail eintrifft, frage ich meine Tauchpartnerin Rowena Engelen, ob sie Lust auf ein Wochenende Bergwerktauchen hat. Im September beginnen wir mit der Planung; erst da fällt mir auf, dass Miltitz über 800 km von meinem Wohnort entfernt liegt. Meine Vorfreude trübt das nicht im Geringsten.
Kalkabbau, Silbererz und ein dunkles Kapitel
Der Name Miltitz taucht in Archiven bereits seit dem Jahr 1500 auf. Ursprünglich im Tagebau betrieben, wurde später unter Tage gearbeitet: Über mehrere Jahrzehnte hinweg baute man Kalkstein – genutzt als Baumaterial und Düngemittel – auf vier Ebenen bis in 60 Meter Tiefe ab.
1865 wurde im „Alfons-Von-Heynitz-Stollen“ sogar Silbererz entdeckt und rund 20 Jahre lang abgebaut, bis sich der Betrieb 1885 nicht mehr lohnte. Während des Ersten Weltkriegs stürzte ein Teil des Schachts ein und kostete vier Bergleuten das Leben. 1924 wurde der Bergbau endgültig eingestellt, danach drang nach und nach Grundwasser in die Stollen ein.
Ein besonders dunkles Kapitel: Während des Zweiten Weltkriegs planten die Nationalsozialisten hier eine geheime Fabrik zur Treibstoffproduktion für die Luftwaffe. Für die Bauarbeiten wurden KZ-Häftlinge eingesetzt; 17 von ihnen sind heute auf dem Friedhof von Miltitz begraben.
Heute steht das Bergwerk im Rahmen des sächsischen Denkmalschutzprogramms unter Schutz und ist neben Führungen auch ein beliebtes Ziel für Höhlentaucher geworden.

Ankunft am Tauchplatz
Wir reisen einen Tag früher an, um uns vor den Tauchgängen etwas Ruhe zu gönnen – eine Unterkunft zu finden ist dank zahlreicher Hotels und Airbnbs in der Umgebung kein Problem. Nachdem alle Dokumente geprüft sind, geht es endlich los.
Der Einstieg zum Tauchplatz liegt ziemlich weit vom Eingang des Bergwerks entfernt, eine Schubkarre für die Ausrüstung lohnt sich also. Schon beim Ankommen bekomme ich einen Eindruck davon, wie es hier früher ausgesehen haben muss: Überall liegen alte Werkzeuge: perfekte Motive für erste Fotos. Im ersten Abbauraum erwartet uns ein wunderschöner See mit kristallklarem Wasser und den Überresten des ehemaligen Generators. Am Tauchplatz selbst gibt es Bänke zum bequemen Ausrüsten und eine Aluminiumplattform, die den Einstieg ins Wasser sowie das Anbringen der Bailout-Flaschen erleichtert.
Wichtig: Wer hier tauchen will, sollte sich vorab unbedingt beim Eigentümer informieren – es gelten strenge Regeln, insbesondere für Fotoaufnahmen sowie für den Einsatz von Trimix und Unterwasserscootern.
Durch die Stollen: Der Tauchgang
Wir ziehen unsere Trockenanzüge an, dann sind wir bereit. Da Rowena nicht mit Rebreather taucht, beschließen wir, zunächst den Bereich in etwa 30 Metern Tiefe zu erkunden und uns während der Dekompression auf die Gänge in 6 Metern zu konzentrieren.
Das Wasser ist außergewöhnlich klar. Nach einer Ziegelmauer erreichen wir die Hauptleine – an der Oberfläche hatten wir den Plan des Bergwerks noch sorgfältig studiert, doch unter Wasser sieht alles anders aus. Wir improvisieren, installieren eine temporäre Verbindung zur Leine „-30″ und setzen unsere Erkundung fort.
Der Stollen ist geräumig, die Sicht ausgezeichnet, ein Traum für mich als Fotograf. Etwas weiter liegt die verrostete Schaufel eines Grubenwagens, die an die Zeit erinnert, als hier noch gearbeitet wurde – und an die Bergleute, die beim historischen Einsturz ums Leben kamen. Von der Katastrophe ist heute nichts mehr zu sehen: Das Bergwerk ist inzwischen sehr stabil, vor allem dank des Gegendrucks des Wassers.
Vor uns liegt ein steiler Felshang, der zum tiefsten Teil des Tauchgangs führt. Hier wird der Gang flacher, und die Führungsleine endet. Wir wollen aber noch weiter – also befestigt Rowena ihre eigene Leine, und wir setzen die Erkundung fort. In einem der Gänge finden wir ein Plastikskelett. Morbider Humor oder eine Warnung? Ich persönlich finde es unpassend, gerade an einem Ort, an dem tatsächlich Bergleute ums Leben gekommen sind. Offenbar haben nicht alle denselben Humor.
Auf dem Rückweg passieren wir die Abzweigung zum Abschnitt in 60 Metern Tiefe. Wegen meiner Zertifizierung können wir diesen Teil nicht erkunden – vielleicht beim nächsten Besuch. Kein Problem, denn Rowenas Dekompressionszeit verlängert sich ohnehin bereits deutlich. Wir beschließen also, die Gänge in 6 Metern zu erkunden und dort gleichzeitig zu entgasen.
Relikte aus der Vergangenheit
Auch hier sind die Gänge sehr geräumig und wirken wie eine Reise in die Vergangenheit des Bergwerks. Wir lassen uns Zeit und entdecken zahlreiche Relikte – darunter einen Bohrer, wie wir ihn am Morgen schon im trockenen Teil der Mine gesehen hatten. Wenig später erreichen wir eine Öffnung, die einst vermutlich mit Holztüren verschlossen war – die Struktur ist noch gut erkennbar, ein perfektes Motiv für eine atmosphärische Aufnahme.
Der Nebenraum hat eine sehr hohe Decke, und überall gibt es etwas zu entdecken: eine Plattform aus Holz und Beton etwa, an der ein Eimer mit wunderschöner Patina hängt. Seine ursprüngliche Funktion ist mir nicht klar, aber als Fotomotiv ist er perfekt. Im letzten Raum, der zu einem kleinen See führt, den man nur im Notfall zum Auftauchen nutzen kann, stoßen wir auf ein altes Fahrrad und stellen uns vor, wie einst ein Bote damit durch die Stollen fuhr.

Auf dem Rückweg sehen wir eine schöne Holzleiter und einen Gegenstand, den ich zunächst nicht einordnen kann – erst später wird mir klar, dass es sich um eine Trommel handelt, auf der früher der Zünddraht aufgewickelt war. Am Ende jedes Arbeitstages wurden Löcher für Sprengstoff in die Wände gebohrt, die letzten Arbeiter verbanden das Kabel mit dem Zünder und zündeten die Ladungen aus sicherer Entfernung. Am nächsten Tag, wenn sich der Staub gelegt hatte, konnten die gelösten Felsblöcke abtransportiert werden.
Langsam nähert sich unsere Dekompression dem Ende. Nach diesem langen Tauchgang bei einer Wassertemperatur von nur 7 Grad macht sich die Kälte bemerkbar – Zeit, aufzutauchen.
Praktische Infos & Anmeldung
- Anmeldung: E-Mail an info@tauchtreffdd.de für die Interessentenliste; verfügbare Termine werden im Juni bekannt gegeben
- Voraussetzungen: AOWD-Zertifizierung, mindestens 75 Tauchgänge, Erfahrung im Nachttauchen (min. 2 Tauchgänge) sowie im Eis- oder Höhlentauchen (min. 2 Tauchgänge); ein Höhlentauchzertifikat ist von Vorteil. Tauchgänge erfolgen in Begleitung eines Tauchlehrers des Miltitz-Teams, Kurse werden auch vor Ort angeboten
- Benötigte Dokumente: CE-Zertifizierung des Rebreathers, Tauchzertifikate (Höhlentauchen, Trimix etc.), ärztliches Attest, Versicherungsnachweis
- Sonstiges: Trimix ist ab 30 Metern Tiefe Pflicht, Bezahlung erfolgt bar, ein großer Parkplatz steht vor Ort zur Verfügung
👉 Weitere Informationen: tauchtreffdd.de
Dieser Artikel wurde ursprünglich von Stefan Panis für OCEANS #2 geschrieben. Er wurde für das Web gekürzt und angepasst.
Fotos: Stefan Panis




