Glasklares Wasser, spürbare Strömung und Fischreichtum zum Anfassen – Süßwassertauchen hat einen ganz eigenen Reiz. Harald Hois war für uns unterwegs, von den versteckten Canyons Oberitaliens bis zu den zugefrorenen Seen Österreichs, und hat die außergewöhnlichsten Spots zusammengetragen.
Fließgewässer verbinden hautnahes Naturerlebnis mit kristallklarem Tauchvergnügen wie kaum ein anderes Gewässer. Nicht die Tiefe zählt hier, sondern die unglaubliche Transparenz – bei sanfter bis mittlerer Strömung.
In den italienischen Canyons
Canyontauchen in Oberitalien ist noch immer ein echter Geheimtipp. Die schroffen Schluchten liegen oft versteckt im Hintertal eines Bergmassivs.

Im westlichen Piemont, unweit der weltberühmten Skiorte Cervinia und Courmayeur, wartet ein kleiner, drei bis vier Meter tiefer Canyon. Während sich sommers italienische Badegäste auf der Schotterfläche sonnen, tauchen Neoprenjünger unter mächtigen Felsblöcken hindurch in die eigentliche Schlucht. Dort wechseln sich beeindruckende Gegenlichtszenen mit Forellen- und Barschschwärmen ab.
Etwas weiter südöstlich, an der Grenze zwischen Emilia-Romagna und Lombardei, führt ein breiterer, fast elf Meter tiefer Canyon mehrere Hundert Meter ins Bergmassiv. Tiefes Blau, eiskaltes Quellwasser und eine leicht milchige Schicht aus wärmerem Oberflächenwasser sorgen für eine fast märchenhafte Stimmung, wenn sich das Sonnenlicht durch die Bäume in dieser Trübschicht bricht. Ein Tauchplatz, der laut Hois in dieser Kombination aus Lichtspiel, kräftigem Cyan und Transparenz seinesgleichen sucht.
In den Schluchten der Lombardei
An der Grenze von der Lombardei zum Trentino liegt ein schmaler, senkrecht abfallender, zehn Meter tiefer Canyon. Weil der Fels links und rechts bis auf eineinhalb Meter heranrückt, bewegen sich Taucher hier fast übereinander im Wasser. Streng ist die Strömung nur beim Einstieg – in der Schlucht selbst treibt man gemütlich mit dem Flusslauf und kann problemlos unter Wasser wieder aufsteigen, um sich das Erlebnis ein zweites Mal zu gönnen.
Auch das Friaul punktet mit beeindruckenden Schluchten und Kerbtälern. Zwischen der Kärntner Grenze, dem westlichen Trentino und Udine führen zahlreiche Canyons ins Bergesinnere – glasklar und fast unsichtbar zugleich. Große Tauchgruppen sind hier fehl am Platz: Gefragt sind bergerfahrene, fitte Taucher*innen, die auch mal einen schroffen Zustieg und Gegenströmung meistern. Die Belohnung: spektakuläres Gumpen- und Flusstauchen in einer atemberaubenden Landschaft – über wie unter Wasser.

Winterzauber: Attersee und Weißensee
Im Winter locken die großen Voralpenseen mit Sichtweiten von über zwanzig Metern. Am Attersee etwa, beim Tauchplatz „Hausboot/ÖWR“, freut sich Sporttaucher-Herz über ein kleines Wrack. In zwei Metern Tiefe bevölkern unzählige Elritzen die Unterwasserkonstruktion von Bootshaus und Steganlage – im Jänner und Februar bei besonders klarer Sicht.

Ein echter Spezialfall ist der Weißensee, das Mekka der Eistaucher*innen in Österreich. Von Ende Dezember bis in den späten März friert er zuverlässig zu. Ortsansässige Tauchschulen kümmern sich um vorbereitete Eislöcher, Absperrungen, Sicherungsseile und Zustiegshilfen. Besonders faszinierend: Wenn sich Sonnenstrahlen am Eisloch brechen und ihr Abbild auf den Seegrund projizieren. Für Unterwasserfotografen sind spektakuläre Eisformationen und spiegelklares Eis ein gefundenes Fressen.
Flusstauchen in aller Ruhe
Wer es entspannter mag, findet an der niederösterreichischen Ybbs ideale Bedingungen: kaum spürbare Strömung und im Sommer angenehme Wassertemperaturen. In und rund um Waidhofen führen mehrere Einstiegsstellen in den Fluss.

- Linkes Ufer: verblockt mit Konglomeratfelsen, dahinter immer wieder eine neugierige Forelle
- Rechtes Ufer: mächtige Baumwurzeln, an denen Schleimalgen in der Strömung wehen und eine fast feenhafte Stimmung erzeugen
Zutrauliche Bachforellen, Saiblinge und Elritzen begleiten Taucher*innen auf Schritt und Tritt.
Ein echtes Naturspektakel gibt es im April: Sobald das Wasser die richtige Laichtemperatur erreicht, ziehen Nasen in Hundertschaften aus der Enns in einmündende Bäche wie den Neustiftbach – ein Schauspiel, das an einen Salmon-Run in Kanada oder Sardine-Run in Südafrika erinnert und auch von Land aus viele Zuschauer anzieht.
Ein See, der kommt und geht
Eine echte Rarität liegt in einer Talmulde unterhalb des Hochkogels bei Ebensee: der Wiesensee. Dieses episodische Gewässer füllt sich nur bei Schneeschmelze oder starken Regenfällen und bietet dann die seltene Gelegenheit, Wiesenblumen unter Wasser zu betrachten. Ein Hinweis vorab: Der Zustieg mit Tauchequipment dauert mindestens eine Stunde.
Deutlich leichter erreichbar ist der Tauglgries, ein Bachlauf mit einem außergewöhnlich geschichteten, ausgeschliffenen Bachbett. Selten tiefer als vier Meter, ist er ein beliebtes Ziel für Unterwasserfotografen, die hier Models vor einer besonders reizvollen Kulisse in Szene setzen.

Infos zu Terminen und Tauchevents an den genannten Gewässern: office@haraldhois.com
Dieser Text wurde von Harald Hois für unsere Printausgabe OCEANS N°1 verfasst und für das Web angepasst.
Fotos: Harald Hois




