Die Pierre de Briançon: Ein Tauchjuwel im Nationalpark Calanques

Das Boot verlässt den südlichen Hafen von Marseille, passiert den kleinen Hafen von Les Goudes und umrundet das Cap Croisette, über dem sich die Insel Maïre erhebt. Plötzlich erscheint das Archipel von Riou – wild, schroff und zugleich von faszinierender Schönheit. Zu den ersten sichtbaren Inseln gehören Jarre und Jarron sowie die Pierre de Briançon, ein isolierter Kalksteinfelsen mit einem ebenso geheimnisvollen wie faszinierenden Namen. Unter der Wasseroberfläche erwarten Taucher ein beeindruckender Felsbogen und eine artenreiche Mittelmeerfauna – alles in weniger als 30 Metern Tiefe.

Je nach Saison ist es nicht ungewöhnlich, einem gut getarnten Seeteufel zu begegnen.

Ein Wenig Geschichte

Die Inseln Jarre und Jarron, getrennt durch eine schmale Passage, bilden die ersten Ausläufer des Riou-Archipels. Bereits in der Antike dienten sie als Ankerplätze und boten vorbeiziehenden Schiffen Schutz. Gemeinsam mit Pomègues, Ratonneau und Plane gehörten sie einst zu den sogenannten „Quarantäneinseln“.

Der bekannteste Abschnitt ihrer Geschichte reicht bis ins Jahr 1720 zurück. Damals wurde die Grand Saint-Antoine, ein Handelsschiff mit wertvoller Ladung, nach dem Ausbruch der Pest vor Marseille absichtlich in einer Bucht im Norden versenkt. Die Fischer der Region gaben den markanten Orten einprägsame Namen, etwa der Baume des Morts, einer Höhle, die als Orientierungspunkt beim Ausbringen der Netze diente. Archäologische Ausgrabungen förderten Keramikscherben und Feuersteine aus der Jungsteinzeit zutage und zeugen von einer noch viel älteren Besiedlungsgeschichte.

Tauchen an der Pierre de Briançon

Die Pierre de Briançon erhebt sich südlich der Insel Jarre wie ein steinerner Wächter aus dem Meer. Von weitem gut sichtbar, dient sie als natürliche Landmarke und weist den Weg zu einem der schönsten Tauchplätze der Calanques.

Ausrüstung und Zugang

Seit einigen Jahren ist das Gebiet mit ökologischen Bojen ausgestattet, die von der Stadt Marseille installiert wurden. Eine befindet sich westlich der Pierre de Briançon, die andere östlich am Eingang der Calanque, in der sich die Höhle Arc-en-ciel befindet. Vor ihrer Installation ankerten die Boote direkt auf den sandigen Böden in 15 bis 18 Metern Tiefe.

Die klassische Route beginnt an der Boje der Höhle Arc-en-ciel und folgt der Insel auf der rechten Seite.

Seltene Szene: Zwei Tintenfische streiten um einen Conger.

Unter Wasser

Bereits beim Abstieg durchqueren Taucher eine ausgedehnte Posidonia-Wiese. Früher war sie von zahlreichen Großen Steckmuscheln (Pinna nobilis) besiedelt, deren Bestände durch einen eingeschleppten Parasiten stark dezimiert wurden. Dennoch bleibt diese Seegraswiese ein wertvoller Lebensraum für Sepien, Seenadeln, Corbs, Goldstriemen und zahlreiche Jungfische.

In rund 25 Metern Tiefe erscheint der spektakuläre Felsbogen, geschmückt mit gelben Gorgonien und prächtigen Spirographen. Silberbrassen ziehen in dichten Schwärmen vorbei und bieten ein typisches Schauspiel der Unterwasserwelt der Calanques.

Hinter dem Bogen setzt sich die Pierre de Briançon als zerklüftete Felszunge fort. Zwei kleine Tunnel durchqueren den Felsen zwischen 10 und 15 Metern Tiefe. Einer von ihnen führt in ein Gewölbe, das von Krustenanemonen (Parazoanthus axinellae), den sogenannten „Meeresmimosen“, überzogen ist. Die umliegenden Felsblöcke sind mit violettem Coralligène, Falscher Roter Koralle (Myriapora truncata), orangefarbenen Schwämmen und gelben Gorgonien bewachsen und bilden ein farbenprächtiges Unterwasserrelief.

Die Tour endet entlang der linken Seite des Felsens, wo sich zahlreiche Spalten und kleine Höhlen erkunden lassen. Vorsicht ist allerdings geboten: Da die Berufsfischerei in diesem Bereich erlaubt ist, können sich gelegentlich Netze im Gelände befinden. Die Fischbestände sind daher geringer als in den vollständig geschützten Bereichen des Riou-Archipels, dennoch bleibt die Fauna bemerkenswert vielfältig.

Eine Muräne verschwindet blitzschnell zurück in ihrem Versteck.

Unterwasserleben

Die typische Mittelmeerfauna begleitet Taucher während des gesamten Tauchgangs. Girellen, Silberbrassen, Goldstriemen und Riffbarsche beleben die Wassersäule. In den Felsspalten verstecken sich Tintenfische, Muränen, Congeraale, Bartmännchen und gelegentlich auch Zackenbarsche.

Makrofotografen schätzen die große Vielfalt an Nacktschnecken, kleinen Seegurken, Galatheen und Schleimfischen. Tritonshörner (Charonia lampas) sowie die Eierkapseln von Eischnecken (Simnia sp.) verleihen den Gorgonienästen zusätzliche Farbakzente.

Große pelagische Fische wie Dentex oder Barrakudas sind hier seltener anzutreffen. Dafür kann man im Winter und Frühjahr gelegentlich einem Seeteufel begegnen, während sich im Spätsommer häufig Zitterrochen zwischen den Posidonia-Blättern verbergen. Die fächerförmigen gelben Gorgonien und die Teppiche aus Krustenanemonen verleihen den Felswänden eine außergewöhnliche Farbigkeit und machen diesen Tauchplatz besonders reizvoll.

Ende des Tauchgangs

Die Erkundung endet in einem kleinen Becken auf etwa fünf Metern Tiefe, nur wenige Flossenschläge von der Höhle Arc-en-ciel entfernt. Viele Taucher verbinden beide Spots an einem Tag. Dennoch lohnt es sich, der Höhle einen eigenen Tauchgang zu widmen, um ihre Besonderheiten in Ruhe zu entdecken.

Die Pierre de Briançon ist ein zugänglicher und abwechslungsreicher Tauchplatz, der vor allem für seinen spektakulären Bogen geschätzt wird. Zwar bietet er weniger Großfische als die streng geschützten Bereiche des Nationalparks, dafür überzeugt er mit einer authentischen, farbenprächtigen Unterwasserlandschaft und typisch marseillaischem Charakter. Ihr Name bleibt ein Rätsel, ihr Relief unverwechselbar – und genau deshalb kehren viele Taucher immer wieder hierher zurück. Vielleicht wird die Pierre de Briançon eines Tages selbst zu den streng geschützten Tauchplätzen des Parks gehören.

Ein Rebreather-Taucher erkundet den Bogen der Pierre de Briançon.

Das Rätsel um den Namen

Briançon oder Brégançon? Die Frage ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Auf alten Karten, insbesondere auf den Seekarten des SHOM aus dem 18. Jahrhundert, erscheint der Name „Pierre de Brégançon“. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Bezeichnung, und „Pierre de Briançon“ setzte sich im allgemeinen Sprachgebrauch durch.

Über den Ursprung dieser Veränderung existieren verschiedene Theorien. Einige vermuten eine Anspielung auf die Bewohner von Briançon, andere halten sie für einen einfachen Übertragungs- oder Kartierungsfehler.

Letztlich bleibt das Rätsel bestehen – und vielleicht macht gerade das einen Teil des Charmes der Pierre de Briançon aus. In Marseille werden solche Geschichten gerne nach dem Tauchgang weitererzählt, bei einem Glas Pastis mit Blick aufs Meer.

Praktische Informationen

  • Niveau: Ab N1 / Open Water Diver geeignet; auch für erfahrene Taucher interessant.
  • Zugang: Mit Tauchbasen in Marseille (Vieux-Port, Pointe Rouge) oder Cassis. Fahrzeit etwa 20 Minuten ab Pointe Rouge.
  • Wetter: Der Tauchplatz ist dem Mistral sowie Ost- und Südostwinden ausgesetzt. Ideale Bedingungen herrschen bei ruhiger See.

Dieser Artikel wurde ursprünglich von Fabrice Dudenhofer für unsere Printausgabe verfasst und für die Webversion überarbeitet.
Fotos: Fabrice Dudenhofer

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