Biomimetik: Wenn die Natur den Menschen inspiriert

Biomimetik – oder die Kunst, sich von der Natur inspirieren zu lassen – ist ein faszinierendes Forschungsfeld, in dem die Beobachtung mariner Organismen zu Innovationen in unterschiedlichsten Bereichen führt. Von der Medizin über Technologie bis hin zu Sport und Militär entstehen zahlreiche Anwendungen, die direkt von natürlichen Prinzipien inspiriert sind.

Was ist Biomimetik?

Der Begriff Biomimetik wurde in den 1960er-Jahren vom amerikanischen Ingenieur Otto Schmitt geprägt. Er beschreibt einen Innovationsansatz, der technische Lösungen aus der Natur ableitet. 1997 erweiterte die Biologin Janine Benyus dieses Konzept und verlieh ihm eine stärkere ökologische Dimension.

Die Natur dient dabei als Vorbild für die Entwicklung neuer Strategien, Materialien und Verfahren. Dieser Ansatz ist keineswegs neu: Bereits Leonardo da Vinci ließ sich bei der Konstruktion seiner Maschinen von natürlichen Strukturen und Bewegungen inspirieren.

Gerade das marine Umfeld mit seiner enormen Biodiversität bietet eine Vielzahl an Beispielen für Anpassungen, die heute als Grundlage für technologische Innovationen dienen.

Eine Nahaufnahme eines bunten Seesterns, die die Schönheit der Unterwasserwelt offenbart.
Der Eisseestern produziert ein Enzym, die Roscovotine, das möglicherweise gegen Krebs wirkt, indem es Krebszellen blockiert.
Foto: Nicolas Barraqué

Heilende Moleküle

Die Medizin lässt sich regelmäßig von der Natur inspirieren, um neue Medikamente und Technologien zu entwickeln. Besonders marine Organismen liefern dabei erstaunliche Vorbilder. Einige bemerkenswerte Beispiele:

  • Eisseestern (Marthasterias glacialis)
    Das aus diesem Tier gewonnene Enzym Roscovitine könnte die Vermehrung von Krebszellen hemmen und so neue Therapieansätze eröffnen.
  • Gewöhnlicher Krake (Octopus vulgaris)
    Seine Tentakel dienten als Vorbild für einen flexiblen Roboterarm, der in der Chirurgie eingesetzt wird und es ermöglicht, schwer zugängliche Bereiche zu erreichen, ohne umliegendes Gewebe zu beschädigen.
  • Aequorea victoria
    Das grün fluoreszierendes Protein der Qualle wird in der Forschung genutzt, um biologische Prozesse sichtbar zu machen, etwa zur Markierung von Krebszellen. Für diese Entdeckung wurde 2008 der Nobelpreis für Chemie vergeben.
  • Seegurke (Holothuria sp.)
    Ihre Fähigkeit, das Gewebe je nach Bedarf zwischen flexibel und fest zu verändern, könnte künftig bei der Entwicklung von Implantaten helfen, etwa zur Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson.
  • Jakobsmuschel (Pecten maximus)
    Ihr einzigartiges Fortbewegungssystem hat die Entwicklung eines Mikroroboters inspiriert, der sich durch den menschlichen Körper bewegen kann.
Biolumineszente Quallen, die die Tiefen des Meeres erleuchten, faszinierend für Taucher und Ozeanliebhaber.
Quallen inspirieren auch die Medizin. Die Qualle Aequorea victoria produziert ein grünes fluoreszierendes Protein, das in der Medizin verwendet wird, um Krebszellen zu identifizieren oder das Funktionieren von Nervenimpulsen zu verstehen.
Foto: Lisa Werner / Alamy
Jakobsmuschel auf dem Meeresboden, Symbol der marinen Biodiversität.
Die Jakobsmuschel hat die Fähigkeit, sich durch Wasserstrahlantrieb zu bewegen. Diese originelle Fortbewegung inspirierte die Entwicklung eines Mikroroboters, der sich im menschlichen Körper bewegen kann.
Foto: ImageBroker.com / Alamy

Meereslebewesen im Dienst der Sportler

Seeotter, der friedlich in kristallklarem Wasser spielt, umgeben von majestätischen Gletschern.
Der Seeotter hat die Welt des Surfens inspiriert. Mit seiner Fähigkeit, seine Haut trotz zahlreicher Bäder trocken und warm zu halten, inspirierte das Tier die Entwicklung von leichten und isolierenden Surfbrettern.
Foto: ImageBroker.com / Alamy

Auch im Sport – insbesondere in Wassersportarten – lassen sich zahlreiche Innovationen auf Anpassungen mariner Tiere zurückführen:

  • Haie
    Ihr stromlinienförmiger Körper und die von winzigen Hautzähnchen bedeckte Haut haben zur Entwicklung strukturierter Schwimmanzüge inspiriert, die den Wasserwiderstand deutlich reduzieren.
  • Seeotter
    Seine außergewöhnliche Fähigkeit, die Körperwärme trotz kalter Umgebung zu halten, diente als Vorbild für moderne Surfanzüge, die Leichtigkeit und thermische Isolation kombinieren.
  • Schildkröten
    Der Aufbau ihres Panzers inspirierte Skier mit variabler Steifigkeit: flexibel bei Geradeausfahrt und stabil in Kurven.
Ein Hai, der majestätisch in den dunklen Tiefen des Ozeans schwimmt.
Haie faszinieren ebenso wie sie Angst einflößen. Ihre Hydrodynamik wird von Tauchern besonders bewundert. Diese Eigenschaft, die auf die besondere Haut der Haie zurückzuführen ist, ermöglichte die Entwicklung von hochleistungsfähigen Schwimmanzügen.
Foto: Nicolas Barraqué

Chemische Substanzen nach dem Vorbild der Natur

Auch die Chemie lässt sich von marinen Organismen inspirieren, insbesondere bei der Entwicklung neuer Materialien und Prozesse:

  • Gemeine Miesmuschel (Mytilus edulis)
    Die von ihr abgesonderten Haftfäden, der sogenannte Byssus, sind zugleich extrem stark und flexibel. Sie dienen als Vorbild für Anwendungen im Bauwesen sowie in der Medizin.
  • Kieselalgen
    Ihre Silikatpanzer ermöglichen die Herstellung von glasähnlichen Strukturen bei Raumtemperatur – ein Ansatz, der das Potenzial hat, den Energieverbrauch in der Produktion deutlich zu senken.
  • Biolumineszenz
    Einige Meeresorganismen wie Phytoplankton erzeugen ihr eigenes Licht. Forschende haben Biolumineszenz-Gene bereits in Pflanzen übertragen – ein vielversprechender Ansatz für natürliche Beleuchtungssysteme.

Von der Natur zur Technologie

Ein Seeigel mit langen Stacheln tarnt sich zwischen den bunten Korallen eines lebhaften Riffs.
Die Struktur des Diademseeigels hat Ingenieuren Ideen gegeben. Die langen Stacheln des Tieres, die einen idealen Schutz für mehrere Arten gegen Raubtiere bieten, ermöglichten die Entwicklung künstlicher Riffe, die als Kinderstuben für verschiedene Fischarten dienen.
Foto: Dominique Barray.

Biomimetik beeinflusst auch zahlreiche technologische Entwicklungen:

  • Languste
    Ihr mehrschichtiger Chitinpanzer diente als Inspiration für widerstandsfähige und leichte Smartphone-Hüllen.
  • Napfschnecke (Patella sp.)
    Ihre Radula, eine Art raspelartige Struktur, inspirierte die Entwicklung besonders robuster und gleichzeitig leichter Bootsrümpfe.
  • Fliegende Fische (Exocoetidae)
    Seine Fähigkeit, zwischen Schwimmen und Gleiten zu wechseln, diente als Vorbild zur Optimierung von Foils bei Hochleistungssegelbooten.
  • Buckelwal (Megaptera novaeangliae)
    Die Struktur seiner Flossen inspirierte die Blätter moderner Windkraftanlagen und konnte deren Energieeffizienz um bis zu 20 % steigern.
Zwei Buckelwale schwimmen zusammen in kristallklarem Wasser und zeigen die Schönheit der Unterwasserwelt.
Die beeindruckenden Flossen der Buckelwale sind mit Vorsprüngen versehen, die den Wasserfluss erleichtern, wenn sich das Tier bewegt. Diese Flossen inspirierten die Gestaltung von Windkraftanlagen, die eine bessere Effizienz ermöglichen.
Foto: Philippe Joachim

Wenn die Natur das Militär inspiriert

Von der Natur inspirierte Innovationen finden auch im militärischen Bereich Anwendung:

  • Arapaima (Arapaima gigas)
    Ihre besonders widerstandsfähigen und zugleich flexiblen Schuppen dienten als Vorbild für Materialien in kugelsicheren Westen.
  • Oktopus
    Seine Fähigkeit, Farbe und Textur seiner Haut zu verändern, inspirierte die Entwicklung adaptiver Tarnmaterialien für militärische Anwendungen.
  • Geisterkrabben (Ocypode sp.)
    Ihre außergewöhnliche Geschwindigkeit auf sandigem Untergrund führte zur Entwicklung kleiner Roboter, die sich effizient in weichen Böden wie Wüsten bewegen können.
Ein majestätischer Wels erkundet die Tiefen des Meeres und fesselt die Taucher mit seiner Schönheit.
Der Arapaima, der größte Süßwasserfisch, besitzt eine echte Schutzwaffe: Seine robusten Schuppen ermöglichen es ihm, den Angriffen von Piranhas standzuhalten. Die zweischichtige Struktur seiner Schuppen – eine flexible innere und eine widerstandsfähige äußere Lage – diente als Vorbild für die Entwicklung eines Materials, das unter anderem in kugelsicheren Westen eingesetzt wird.
Foto: Artur Golbert / Alamy

Fazit

Die Beobachtung der Natur ist eine unerschöpfliche Quelle für Innovationen. Die Biomimetik, die sich an den Anpassungen mariner Organismen orientiert, eröffnet neue Möglichkeiten in zahlreichen Bereichen – von der Medizin über die Technologie bis hin zu Sport und Verteidigung.

Dieser Ansatz macht zugleich deutlich, wie wichtig der Schutz der Biodiversität ist. Marine Ökosysteme sind nicht nur Lebensraum, sondern auch eine wertvolle Inspirationsquelle für zukünftige Entwicklungen.

Dieser Artikel, ursprünglich von Pascaline Bodilis-Guillemain für unsere Printausgabe verfasst, wurde für das Web angepasst. 
Eröffnungsfoto: Hervé Colombini

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