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Blickschule: Man sieht nicht alles

Es ist ein gut gehütetes Geheimnis unter der Oberfläche tropischer Gewässer: Es gibt so viel zu entdecken, dass man nie wirklich alles sieht. Heute führt uns unsere Erkundung an die Küste eines warmen Meeres, gesäumt von Mangroven. Setzen Sie Ihre Maske und Ihren Schnorchel auf … und halten Sie die Augen offen, denn es sind die kleinen Details, die die Magie der Unterwasserwelt ausmachen.

Beobachten Sie das Unsichtbare

An diesem Morgen ist die Sicht nicht besonders gut. Weit lässt sich nicht blicken, also nähern wir uns den Wurzeln eines Mangrovenbaums. Dort wartet eine Überraschung: Unzählige winzige Bläschen haften am untergetauchten Holz.

Luftblasen steigen von einem Meeresboden auf und veranschaulichen das dynamische Unterwasserleben.
PRODUZENTEN: ein Filz aus Mikroalgen, der Sauerstoffblasen abgibt.

Diese Bläschen bestehen aus reinem Sauerstoff, auch als Dioxygen (O₂) bezeichnet. Doch woher stammt dieses lebenswichtige Gas, von dem die gesamte Meeresfauna abhängt? Die Antwort verbirgt sich in einer unsichtbaren Armee von Mikroalgen, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind.

Diese Algen besiedeln Wurzeln, Felsen, Hafenmauern und Bootsrümpfe. Ihr wichtigstes Werkzeug ist das Chlorophyll – ein wahrer Sonnenfänger. Es ermöglicht die Photosynthese, einen Prozess, der für das Leben auf der Erde unverzichtbar ist.

  • Wussten Sie schon?
    Die zentrale Reaktion der Photosynthese lautet:
    Wasser + Kohlendioxid + Energie → organische Substanz + Sauerstoff

Mit „organischer Substanz“ ist vereinfacht gesagt die produzierte Nahrung gemeint. Deshalb werden diese Algen als Produzenten im marinen Ökosystem bezeichnet. Sie erzeugen nicht nur Nahrung, sondern auch den Sauerstoff, den nahezu alle Lebewesen benötigen. Die kleinen Bläschen auf den Wurzeln machen diesen Prozess der Photosynthese direkt sichtbar.

Die dabei gebildete organische Substanz besteht vor allem aus energiereichen Verbindungen wie Zuckern und Lipiden. Auf diesem unauffälligen Prozess basiert letztlich die gesamte marine Nahrungskette.

Die Tarets – Architekten des untergetauchten Holzes

Setzen wir unsere Erkundung fort: Ein alter Baumstamm liegt unter Wasser. Auf seiner Oberfläche bewegen sich seltsame kleine weiße Röhren sanft in der Strömung.

Weiße Korallen ragen aus einem Meeresboden, der reich an Biodiversität ist.
KONSUMENTEN: die Siphons von zwei Tarets, die einen Baumstamm besiedelt haben.

Es handelt sich um die Siphons zweier Tarets – Muscheln, die auf das Bohren in Holz im Meer spezialisiert sind. Sie leben verborgen in den Gängen, die sie selbst ins Holz graben, und strecken lediglich ihre Siphons heraus, um das Wasser zu filtern.

Über ihren gezackten Siphon nehmen die Tarets Wasser, Plankton und natürlich auch den von den Mikroalgen produzierten Sauerstoff auf. In ihren Zellen wird die Nahrung „verbrannt“, um die in organischen Verbindungen gespeicherte Sonnenenergie freizusetzen. Dafür benötigen sie Sauerstoff, der durch die Photosynthese bereitgestellt wird. Dieser Vorgang wird als Zellatmung bezeichnet.

  • Das Prinzip der Zellatmung:
    organische Substanz + Sauerstoff → Wasser + Kohlendioxid + Energie

Wie alle Tiere gehören die Tarets zu den Konsumenten: Sie nutzen die Nahrung und den Sauerstoff, die von den Produzenten am Beginn der Nahrungskette bereitgestellt werden.

Der ökologische Kreislauf: die Schlüsselrolle der Zersetzer

Doch damit endet die Geschichte nicht. Nicht die gesamte produzierte organische Substanz wird von Konsumenten genutzt. Abgestorbene Blätter, Algenfragmente, Holzstücke und andere organische Reste werden von einer weiteren unverzichtbaren Gruppe verarbeitet: den Zersetzern.

Ein Stück weiter fallen auf abgestorbenen Blättern feine, bläuliche Fäden auf, die sich sanft in der Strömung bewegen.

Unterwasserökosystem mit einer Textur aus Fäden und Algen, die für die marine Biodiversität unerlässlich sind.
ZERSETZER: fadenförmige Bakterien, die tote organische Substanz abbauen.

Die Zersetzer wandeln organische Substanz in mineralische Verbindungen wie Nitrate oder Phosphate um. Diese Nährstoffe fördern wiederum das Wachstum der Produzenten und schließen so den Kreislauf des marinen Lebens.

Merken Sie sich:

  • Produzenten (Mikroalgen) erzeugen Nahrung und Sauerstoff.
  • Konsumenten (Tiere wie die Tarets) nutzen diese Ressourcen.
  • Zersetzer schließen den Kreislauf, indem sie organische Substanz wieder in ihre mineralischen Bestandteile zerlegen.

Das natürliche Gleichgewicht des marinen Ökosystems

Dieser kurze Ausflug mit der ABC-Ausrüstung (Flossen, Maske und Schnorchel) macht eines der faszinierendsten Gleichgewichte der Natur sichtbar. In weniger als dreißig Minuten erleben Sie im Kleinen die drei grundlegenden Prozesse, die das Leben auf unserem Planeten bestimmen: Produktion, Konsum und Zersetzung.

Jeder Tauchgang – selbst der unscheinbarste – lädt dazu ein, diese außergewöhnlichen Zusammenhänge zu entdecken. Nehmen Sie sich Zeit zum Beobachten, Staunen und Fragen: Eine faszinierende, oft unsichtbare Welt eröffnet sich all jenen, die bereit sind, genauer hinzusehen.

Dieser Artikel, ursprünglich von Steven Weinberg für unsere Printausgabe verfasst, wurde für das Web angepasst.
Fotos: Steven Weinberg

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