Im letzten Sommer erlebten die Küstengewässer Cornwalls ein außergewöhnliches Naturereignis: eine bislang nicht gekannte Häufung von Gemeinen Kraken (Octopus vulgaris). Das spektakuläre Auftreten der Achtarmer begeisterte Taucher und Meeresbiologen gleichermaßen – stellte die lokale Fischerei jedoch vor unerwartete Herausforderungen.
Ein bemerkenswertes Ereignis für das Ökosystem
Massenauftreten von Kraken sind in Großbritannien selten, aber keineswegs unbekannt. Die Marine Biological Association dokumentierte entlang der Südküste Englands bereits mehrere solcher Ereignisse – erstmals im Jahr 1899, zuletzt 1948. Das aktuelle Auftreten ist damit das erste vergleichbare Phänomen seit mehr als sieben Jahrzehnten und sorgt sowohl in der Wissenschaft als auch bei den Küstengemeinden für großes Interesse.

Lokale Taucher und Schnorchler berichteten von außergewöhnlich vielen Sichtungen, insbesondere rund um die Lizard-Halbinsel. Das Phänomen beschränkt sich jedoch nicht auf Cornwall: Auch aus Devon und von der Isle of Wight wurden ähnliche Beobachtungen gemeldet.
Der Gemeine Krake breitet sich aus
Bei der Art, die hinter diesem außergewöhnlichen Auftreten steckt, handelt es sich um den Gemeinen Kraken (Octopus vulgaris). Die beeindruckenden Kopffüßer können eine Armspannweite von mehr als einem Meter erreichen. Normalerweise sind sie vor allem in den wärmeren Gewässern Südeuropas verbreitet und werden in britischen Gewässern deutlich seltener beobachtet.
Forscher führen den Anstieg der Population auf die außergewöhnlich hohen Wassertemperaturen zurück. Seit März lagen die Meerestemperaturen vor Devon und Cornwall stellenweise bis zu vier Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt. Dan Barrios-O’Neill vom Cornwall Wildlife Trust erklärt: „Diese ungewöhnlich warmen Gewässer könnten das Wachstum und die Überlebensrate der Jungtiere aus den Vorjahren begünstigt haben, da sie ein reichhaltiges Angebot an planktonischer Nahrung bieten.“
Der Gemeine Krake kann zwischen 100.000 und 500.000 Eier pro Gelege produzieren. Unter günstigen Bedingungen kann dies innerhalb kurzer Zeit zu einem bemerkenswerten Anstieg der Population führen.
Gewinner und Verlierer der Krakenplage
Die außergewöhnliche Zunahme der Krakenpopulation hat für die Fischerei in Cornwall sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich gebracht. Besonders Krustentierfischer bekamen die Folgen zu spüren. Da sich Gemeine Kraken bevorzugt von Krabben, Hummern und anderen Krebstieren ernähren, berichteten zahlreiche Fischer von deutlich rückläufigen Fängen.
„In meinen 15 Jahren als Fischer habe ich noch nie so viele Kraken gesehen – und gleichzeitig sind meine Fänge spürbar zurückgegangen“, berichtet Jonny Pascoe aus Mullion Cove.

Nach Einschätzung von Dan Barrios-O’Neill üben die Tiere einen erheblichen Druck auf kommerziell wichtige Krustentierbestände aus. Die große Zahl an Kraken könnte somit direkte Auswirkungen auf die lokale Fischerei haben.
Gleichzeitig profitierten andere Fischereibetriebe von dem außergewöhnlichen Vorkommen. Ein Trawler aus Newlyn meldete einen Rekordfang von mehr als 20 Tonnen Kraken mit einem Marktwert von über 158.000 Pfund (rund 185.000 Euro). Das zeigt, dass die unerwarteten Besucher nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Auswirkungen haben.
Zwischen Nutzung und Schutz: ethische Fragen rund um den Kraken-Boom
Die Nutzung von Kraken als Ressource wirft zunehmend ethische Fragen auf. Als eine der intelligentesten Gruppen unter den Wirbellosen zeigen Kraken (Octopus vulgaris) bemerkenswerte Problemlösungsfähigkeiten, Lernverhalten und komplexe Verhaltensmuster. Diese kognitiven Eigenschaften stellen klassische Fischereipraktiken infrage und führen zu Diskussionen über den Umgang mit einer Tiergruppe, deren Wahrnehmungsfähigkeit zunehmend anerkannt wird.
Vor diesem Hintergrund rückt auch die Frage der Nachhaltigkeit stärker in den Fokus. Krakenbestände können lokal stark schwanken und sind potenziell anfällig für Überfischung. Entsprechend wächst der Druck, Fanggrenzen festzulegen und schonendere, verantwortungsvolle Fangmethoden zu entwickeln.
Gleichzeitig verschärft die wirtschaftliche Dimension die Situation: Während Rückgänge bei Krustentieren Teile der Fischerei unter Druck setzen, bietet der Krakenfang für andere Betriebe eine neue Einkommensquelle. Das macht eine klare Regulierung und ein ausgewogenes Management umso komplexer – zwischen Tierwohl, ökologischer Stabilität und den Lebensgrundlagen der Küstengemeinden.
Ein Ökosystem im Wandel
Trotz der Belastungen in der Krustentierfauna profitieren andere Arten von der veränderten Situation. Risso-Delfine (Grampus griseus), deren Nahrung stark aus Kopffüßern besteht, wurden in diesem Sommer vermehrt entlang der südenglischen Küste beobachtet.
Diese Verschiebungen im Nahrungsnetz zeigen, wie stark sich die ökologische Dynamik der Region verändert. Die außergewöhnliche Verfügbarkeit von Kraken wirkt sich auf mehrere trophische Ebenen aus und beeinflusst damit das gesamte marine Ökosystem der Südküste Englands.

Auch wenn die aktuelle Zunahme der Kraken in Cornwall außergewöhnlich erscheint, lässt sie sich im Kontext natürlicher Populationszyklen einordnen. Kraken (Octopus vulgaris) sind kurzlebige Tiere mit stark schwankenden Bestandsdynamiken, die Phasen rascher Expansion und ebenso schneller Rückgänge durchlaufen können – jedoch selten in dieser Intensität.
Für die Wissenschaft eröffnet dieses Ereignis eine wertvolle Gelegenheit, die Biologie und das Verhalten von Kopffüßern sowie die Populationsdynamik in britischen Gewässern besser zu verstehen.
Fazit
Die außergewöhnliche Häufung von Kraken vor der Küste Cornwalls ist ein eindrückliches Beispiel für die Veränderlichkeit mariner Ökosysteme. Sie wirft Fragen zur Zukunft der Fischerei, zur Biodiversität und zum Einfluss steigender Meerestemperaturen auf.
Während Taucher und Forschende dieses seltene Phänomen weiter beobachten, bleibt entscheidend, die ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen sorgfältig zu verfolgen. Für die Meeresbiologie ist die „achtarmige Invasion“ damit vor allem eines: ein lebendiges Labor, das neue Einblicke in die Dynamik des Ozeans ermöglicht.
Dieser Artikel, ursprünglich von Lewies Jefferies für unsere Printausgabe verfasst, wurde für das Web angepasst.
Fotos: Lewis Jefferies.




